Kennzeichen der Bauwirtschaft

Die Bauwirtschaft beschäftigt sich mit der Konzeption, der Planung, der Berechnung, der Herstellung und mit dem Betrieb.  Die eigentlichen Aufgabengebiete sind in der Bauwirtschaft sehr vielfältig und verschieden.

Hier folgt eine kurze Charakterisierung der Bauwirtschaft und deren Kennzeichen.

  • In der Bauwirtschaft wird traditionell ein Bauauftrag per Ausschreibung vergeben. Das bedeutet, dass das Bauunternehmen kein eigenes Produktionsprogramm hat – und somit wenige Möglichkeiten besitzt, sich durch ein eigentliches Leistungsprogramm von der Konkurrenz abzusetzen, wie dass beispielsweise im Maschinenbau möglich ist. Außerdem wird die Bauwirtschaft davon gekennzeichnet, dass es keine Marktpreise gibt – die Preise für einen Bauauftrag werden verhandelt.
  • Die Bauwirtschaft ist von ihrer besonderen Fertigungsform gekennzeichnet: Die Baustelleneinzelfertigung. Das Bauunternehmen muss auf wechselnden Produktionsstätten eine Baustelle einrichten und das Produkt auf wechselnden Grundstücken errichten. Außerdem müssen die Arbeitskräfte, Werkstoffe so wie Betriebsmittel und -stoffe zur Baustelle transportiert werden.
  • Die Bauwirtschaft ist von der Kundenauftragsfertigung gekennzeichnet. Während der Maschinenbau vom Lagerrisiko betroffen ist, ist die Bauwirtschaft vom Auftragsrisiko betroffen. Die Bauwirtschaft kann also in schlechten Zeiten keine Leistungen “vorproduzieren” – und sich somit nicht mit Hilfe eines Lagers auf bessere Zeiten vorbereiten. Umgekehrt gesehen kann dies aber auch als Vorteil gesehen werden – es ist keine Lagerhaltung notwendig.
  • Die Bauwirtschaft ist von Unikatprodukten geprägt. Es besteht ein hoher Kapitalbedarf und eine begrenzte Substituierbarkeit. Außerdem besteht eine hohe Materialvielfalt und ein hoher Materialbedarf. Die Produkte sind außerdem von einer langer Lebensdauer gekennzeichnet, und müssen deshalb im Laufe der Zeit wechselnden Anforderungen entsprechen.
  • Die Bauwirtschaft ist außerdem davon gekennzeichnet, dass der Markt oft lokal begrenzt ist. Dies liegt an den hohen Transportkosten. Jedoch hat sich in den letzten Zeiten auch die Bauwirtschaft im Bereich der Arbeitskräfte zunehmend globalisiert.
  • Die Bauwirtschaft wird durch starke saisonale Schwankungen gekennzeichnet. Im Winter wird weniger gebaut und das Wetter hat generell viel Einfluss auf viele der Produktionsstufen.
  • Neben den saisonalen Schwankungen wird die Bauwirtschaft auch sehr stark von konjunkturellen Schwankungen geprägt. In schlechten Zeiten wird weniger in Bauprojekte investiert. Jedoch greifen Regierungen oft zu expansiven fiskalpolitischen Maßnahmen, und kurbeln so in schlechten Zeiten die Bauwirtschaft künstlich an. Jedoch ist es oft so, dass in Rezessionphasen Bauaufträge zustande kommen, deren Preis unter den Selbstkosten des Bauprojekts liegen. Für das Bauunternehmen lohnt sich das immer noch – da so die Verschuldung geringer ausfällt, als wenn das Bauunternehmen unbeschäftigt dastehen würde. Es bedeutet jedoch auch, dass die Verschuldung der Rezessionsphase in Aufschwungsphasen durch entsprechende Gewinne getilgt werden muss.
  • Die Bauwirtschaft ist von einer besonderen Kosten- und Kapitalstruktur gekennzeichnet. Das Basisgeschäft ist von hohen Fixkosten geprägt. Das bedeutet, dass sich das Baugewerbe hoch verschuldet, was das Baugewerbe wiederum sehr zinsabhängig macht. Außerdem ist der Wettbewerb der Baubranche stark durch Grenzkosten gekennzeichnet, weshalb durch Kostensenkung Skaleneffekte erzielt werden können. Man spricht deshalb von Kostensenkungspotentialen im Baugewerbe. Wegen der starken Zinsabhängigkeit laufen Bauunternehmen jedoch auch ein hohes Risiko, sollten die Deckungsbeiträge nur sehr gering sein.
  • Die Bauwirtschaft wird von einem geringen Konzentrationsgrad gekennzeichnet. Es gibt viele kleinere und mittlere Unternehmen im Baugewerbe.
  • Die Bauwirtschaft ist von kleinen Gewinnen, also geringen Renditen, und vielen Pleiten gekennzeichnet. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Baubranche im Bezug auf Rendite und Insolvenz die unattraktivste Branche.
  • Die Bauwirtschaft ist von einer sehr hohe kurz- und mittelfristigen Liquidität gekennzeichnet. Im Baugewerbe fallen sehr hohe kurzfristige Forderungen an – weshalb die Bauunternehmen auch eine hohe kurzfristige Liquidität benötigen, um nicht  in die Insolvenz zu gehen. Die kurz- und mittelfristige Liquidität der Baubranche ist im Durchschnitt höher als in allen anderen Branchen in Deutschland.